Ausstellung 12. Juli 2014 – 28. August 2014

 

Ákos Matzon Kopf und/oder Segel


In der Einleitung zu seinem 1947 in Chicago erschienenen Buch „vision in motion“ - aktuell als „sehen in bewegung“ in deutscher Sprache erschienen – defniert der Bauhauslehrer Lászlo Moholy-Nagy „sehen als bewegung“ als ein: „simultanes Begreifen, als schöpferische Leistung – Sehen, Fühlen und Denken in Bezug zueinander, nicht in einer Reihe isolierter Erscheinungen. Es integriert und verwandelt sofort Einzelelemente in ein zusammenhängendes Ganzes. Das gilt für das physische Sehen ebenso wie für das abstrakte.“
Genau dieses parallele oder synchrone Erfassen und Umwandeln von
Bewegung und Gefühl determiniert im Kern auch das künstlerische Streben von
Ákos Matzon.
Genau wie Moholy-Nagy ein Ungar, wurde Matzon 1945 in Budapest – als Sohn des Bildhauers Friedrich Matzon - geboren. Bereits in den 1960er Jahren entstehen architektonische Werke. Konsequent begann er seine Studien, zunächst von 1980 bis 1986 an der Technischen Universität Budapest, dann an der Pollack Mihály Technischen Hochschule in Pécs, wurde Architekt und Fachlehrer für Gebäudetechnik. Es folgten ab 1986 in intensiven Kunststudien eine Auseinandersetzung mit der Malerei an der Freien Kunstschule Budapest, sowie in den 1990er Jahren Studienreisen nach Deutschland, Frankreich und in die Schweiz. Seit 1994 ist er freischafender Künstler.
Zahlreiche Mitgliedschaften, hauptsächlich in ungarischen Künstlerverbänden, zeugen von seinem gesellschaftlich-künstlerischen Engagement, das seine Anerkennung auch durch zahlreiche verliehene Stipendien und Kunstpreise findet, wie etwa die Pollock-Krasner Foundation in New York 1998 sowie der Ungarischen Akademie in Rom 2007 und 2009, oder durch die Verleihung der höchsten ungarischen Auszeichnung für Bildende Kunst, dem Mihály-Munkácsy-Preis, um nur einige zu nennen. Daß der Auflistung der zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen und der Werke in privaten und öffentlichen Sammlungen an dieser Stelle keinen breiten Raum eingeräumt werden kann, versteht sich von selbst.
Damit sind die Eckpfeiler der Künstlerpersönlichkeit Àkos Matzon auch schon umrissen: Architektur, Technik, Kunst. Ganz im Sinne von „sehen in bewegung“, wenn es da heißt: „Eine der Funktionen des Künstlers in der Gesellschaft ist es, Schicht auf Schicht, Stein auf Stein legend an einer Ordnung der Gefühle zu arbeiten. Er soll mit seinen eigenen Mitteln Gefühle festhalten und dem Innenleben seiner Zeitgenossen Struktur, Verfeinerung und Richtung geben.“
In seinen frühen Arbeiten entstehen mittels fein durchsägter Flächen aus Acryl, Holz und Karton abstrakt geometrische Reliefs, die in ihren Titeln wie „Rundtanz“ (1990-2000), „Spielplatz“ (1994), „Wellen“, „Raum“ oder „Puls“ (1996) bereits den Impetus der Bewegung in sich tragen. Durch Einsatz akzentuierter Farbflächen in die Reliefstruktur des Bildes unterstreicht der Künstler nicht nur die bereits vorhandene Dynamik, sondern schafft zusätzlich unterschiedlich aufgeladene Zentren für den Betrachter.
Von besonderem Interesse sind auch die monochrom erscheinenden Werke, die
eine ganz eigene harmonische Geometrie schaffen.
In der „Hommage Richard Meier“ (1997) wird ein mit Holz und Acryl verschachteltes weißes Relief diagonal im Bildraum angelegt, schafft Höhe und Tiefe, Schatten und Raum.
1985 schuf der Architekt Meier mit dem Museum für Kunsthandwerk in Frankfurt/M. eine Baugestalt, die sich in Grund- und Aufriss durch Aufnahme, Wiederholung und Multiplikation von Maßstäben zu einem neu gewonnenen quadratischen Gliederungsmuster entwickelte. Die Intellektualität des Entwurfs wurde von der weißen porzellan-emaillierten Metallpaneel-Fassade noch unterstrichen. Mit seiner Würdigung für den Architektenkollegen spiegelt Àkos Matzon die Leichtigkeit und Klarheit des architektonischen Entwurfs von Meier wider.
Zu den facettenreich angelegten diversen Texturen äußert sich Matzon selbst:
„Mich inspirierte schon immer die monochrome, mit wenigen Farben arbeitende Malerei, besonders die weiße Farbe. Vielleicht deshalb, damit die Kaskade der Farben die Aktivität, die Dynamik, das souveräne Leben der auf meinen mehrschichtigen Reliefs erscheinenden Licht- und Schattenspiele nicht stört und auch den Betrachter nicht beeinflusst.“
Nebeneinander geschaltete, versetzte, geschachtelte und überlagerte weiße Holzstäbe wie bei der „Holz Fuge“ (1997) oder „Bach Fuge“ (1998), die diagonal eingebettet eine eigene monochrome Welt schaffen, vermitteln diese eine Form von eigenständiger Dynamik und Monumentalität, die Spannung und Energie erzeugt. Genauso wie die von Johann Sebastian Bach endgültig vorgesehene Anordnung der einzelnen Stücke – die bis heute umstritten ist – und deren einzelne Sätze dennoch den Prinzipien von Kontrast und emotionaler Dramaturgie folgen, werden auch bei Matzon die musikalischen Veränderungsformen wie Umkehrung, Vergrößerung und Verkleinerung zu einer intensiven „Chromatik“ gebunden. Man erkennt quasi ein musikalisches Kompositionsprinzip im Werk des bildenden Künstlers. Ihre Fortentwicklungen finden diese Arbeiten in der „Schwarzen Fuge“ und der „Weißen Fuge“, oder auch in dem Werk „Begegnung mit John Cage und Edvard Grieg“ (2000).
Matzon erklärt die Inspiration zu diesen Arbeiten mit der Bedeutung der Pause
im musikalischen Werk von Cage.
Bei den „Fugen“ und „Triptychen“ aus dem Jahr 2011 werden bestimmte Linien mit der Stichsäge in die Grundfläche eingeschnitten. Es entsteht eine Fuge, in der das Licht verschwunden zu sein scheint. Mittels schmaler Spiegelstreifen, die in die reliefartige Bildfläche eingebaut sind, will Matzon das Licht wieder einfangen. Doch nicht nur Licht und die Raumumgebung werden durch den minimalen Spiegelstreifen zum Teil des Werkes, sondern ebenso der vorbeigehende Betrachter, der sich plötzlich im Bild findet. Die Sensibilität des Spiels von Licht und Schatten sowie die Interaktivität sind für Matzon von Interesse.
Überhaupt ist bei all seinen Arbeiten die Nähe zur Architektur deutlich spürbar.
„Was ich mache“, sagt er, „ist von der Architektur inspirierte Kunst. Meine Werke sind eher im Grenzgebiet zwischen Formgebung und Malerei anzusiedeln, am prägnantesten trifft wohl der Ausdruck freie Geometrie zu.“

Sein Arbeitsplatz mit Winkelmaß, Handreißschiene, Schablonen und geometrischen Modellen gleicht immer noch dem eines Architekten. Hier entsteht ein abstraktes, konstruktivistisches Oeuvre aus der Formensprache der Geometrie. Kreis, Quadrat, Würfel, Kugel oder Pyramide stehen Pate, und sind in ihrer perfekten Spielform von hohem ästhetischen Reiz. Ein durchdachter sparsamer Einsatz von Farben unterstützt die optische Harmonie seiner Bilder. Sie sind zum Beispiel nicht nur schwarz, wie man im ersten Augenblick vielleicht wahrnimmt, sondern etwa von einem subtilen, sehr dunklen Blau in vielfarbige Schwingung versetzt.

Matzon huldigt auch der gegenstandslosen Malerei des 20. Jahrhunderts. Man denke etwa an die geometrische Abstraktion des Ungarn Lajos Kassák (1887 –1967), dessen 1922 publiziertes Manifest er richtungsweisend „Bildarchitektur“ nennt und der wiederum u.a. auch mit Moholy-Nagy zusammenarbeitete.

Erinnert sei auch an die russische Tradition eines El Lissitzky, Alexander Archipenko oder Kasimir Malewitsch. Für den Schöpfer des „Schwarzen Quadrats“ von 1915, jenem etwas unregelmäßigen Viereck auf weißem Grund, bedeutete diese Ikone Ende und Anfang aller Malerei. 1913 schrieb er: „In meinem verzweifelten Bemühen, die Kunst vom Ballast der gegenständlichen Welt zu befreien, floh ich zur Form des Quadrats.“
Dreiecke, Quadrate und vor allen Dingen Balken in unmodellierten Farben,
vorwiegend in Schwarz und Rot, verteilen sich über weiße Grundflächen, zeugen von der malerischen Lust an der Reduktion.
Einer solchen malerischen Lust entsprechend, verwirklicht auch Matzon in seinen zyklisch angelegten Bildern eine systematische Reduktion von Ausdrucksformen. Ausgangspunkt ist auch hier das Quadrat. Mit der planerischen Exaktheit eines Architekten unterteilt er das Quadrat mittels Raster, die bisweilen an verfremdete Gebäuderisse oder Stadtpläne erinnern. In der Weiterentwicklung aus dem Quadrat werden Diagonalen als dynamische Kräfte eingesetzt. Die monochrome Welt wird akzentuiert mittels farbiger Einschlüsse, die Geometrie wird durch Kippen der Ebenen ihrer Statik beraubt und gleitet in Bewegung.
Dieses „sehen in bewegung“ hat den Künstler schon längere Zeit beschäftigt.
In ihm geisterte der Gedanke – so formuliert Matzon -, ob er nicht eigentlich aus seinen klaren, puritanisch geometrischen Reliefs künstlerisch heraustreten könnte, ob er nicht für eine kurze Zeitspanne einen Ausfug in eine symbolische reale Landschaft unternehmen könnte. Aber nicht, um jetzt einen formalen Wechsel zu vollziehen, sondern um auf einen neuen Weg, mittels einer grundlegend abweichenden Annäherung wieder an sein jetziges Schaffen anzuknüpfen.
Die Bewegung von Segelbooten im Element des Wassers, das war der zündende Gedanke. Jedesmal ist er verzaubert vom Anblick der Segelboote auf dem Plattensee, vom Beobachten der Regatten. Er ist gefesselt von der Schönheit der Schiffe, ihrer Bewegungen, dem Kampf des von Menschenhand „Erbauten“ auf der Sphäre des Wassers.

Und tatsächlich. In seinen Arbeiten „Kopf und/oder Segel“ spürt der Betrachter die scheinbar chaotische Mobilität bei Segelwettkämpfen. Durch ovale Strichformationen entstehen Metaphern menschlicher Köpfe als Sitz des Geistes, halbmondförmige Farbfelder vollführen Bewegungen wie vom Wind geblähte strafe Segel, und eine Vielzahl von orthogonalen Linien strukturieren Änderungen von Windrichtungen, fangen die ungebündelten Energien von Wind und Wasser ein. Der Schaffensprozess vollzieht mit der Masse der Linien Verstrickungen, ein Ineinanderschlingen, während die Bogenhaftigkeit der Striche die Wellenbewegungen intensivieren und dem strudelnden Strom nachempfunden. Mensch und Natur im Wettstreit. Gegenüber den früheren, „strengen“ Arbeiten wirken diese Bilder spielerisch lebendig.
Hier wird noch einmal deutlich und anschaulich, was „sehen in bewegung“ meint, nämlich in Geist und Gefühlen nachbilden, was die visuelle Form der Darstellung suggeriert.

Michael Wessing


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