Kleiner Raum Clasing & Galerie Etage 5. 9. 2015. – 30. 10. 2015

Juliane Backmann

»Lavena«, Fotocollage 2013

Juliane Backmann wurde 1967 in Münster geboren. Sie studierte von 1988 bis 1990 an der Staatlichen Fachakademie für Fotodesign in München, die seit 2002 in die Fachhochschule München integriert ist. Nach dem Studium war sie zunächst in Hamburg und München tätig. Seit 1991 lebt und arbeitet sie in Los Angeles, Kalifornien, wo sie auch die meiste Zeit des Jahres verbringt. Seit 1994 stellt sie international ihre Arbeiten aus. 2013 erhielt Juliane Backmann von der Emily Harvey Foundation in New York ein Stipendium als „Artist in Residence“ in Venedig. Ihr Arbeitsschwerpunkt gilt nicht unbedingt dem traditionellen Singulärmotiv einer Fotografie, sondern zu einem großen Teil Kunstprojekten, die Stadtlandschaften dokumentieren, sowie einer Reihe von Porträtserien. Bei der Betrachtung der Fotografien ihrer „urban landscapes“ werden mehr Fragen als Antworten evoziert. Während sie einen relativ großen Farbnegativfilm verwendet, lichtet sie Bankgebäude, Lobbies, Kirchen, Höfe, Parkplätze, Straßenzüge oder auch einen Zirkus ab – doch stets fehlt der Mensch auf diesen Bildern. Wir sehen nicht, wie die Zeit vergeht. Wir sehen eine Art Rahmen, in dem sich ansonsten der Mensch bewegen würde. Es gibt keine augenscheinliche Geschäftigkeit – allein die Stadtarchitektur als Stillleben führt hier zu einer neuen Ästhetik. Die Ansichten wirken wie Sets eines Films, wo die Crew gerade in diesem Augenblick die Stätte des Geschehens verlassen hat, äußert sich die Künstlerin. Es sind Dokumente von Raum und Zeit. Hierzu werden unterschiedliche fotografische Ansätze, wie Assemblage und Collage verwendet. Die heutige Ausstellung präsentiert überwiegend eine Serie von Fotocollagen, die mit „passing by“ überschrieben sind und vielleicht mit „flüchtiges Vorübergehen“ umschrieben werden könnten. Die oftmals recht großen Formate werden mittels Plotter auf archivfestem Büttenpapier gedruckt. Ihre Arbeiten entstehen quasi unterwegs. Dafür war die Künstlerin in Los Angeles, Amsterdam, Venedig, Augsburg und Münster unterwegs. Wenn ein Ort sie interessiert, Farbe, Licht und architektonische Gegebenheiten sie anziehen, bleibt Juliane Backmann für eine halbe oder Dreiviertelstunde auf der „Lauer“ und fotografert innerhalb eines gewählten Ausschnitts Menschen, die vorüberziehen. Wichtig ist für sie das spezielle, künstlerische Zusammenspiel zwischen Orten und Leuten. Dabei werden grafische Elemente vor Ort genutzt, wie etwa Hausmauern, Pflasterungen, Wasser in einem Schwimmbad oder eine Brücke in Venedig. Auf dem Rechner werden dann die entstandenen Bilder quasi komponiert. Die Künstlerin setzt nun wie in einer Art Raster ausgewählte Bilder einer Fotostrecke zusammen. Die Ergebnisse basieren zum Teil auf den langen Belichtungszeiten, die für eine Art Unschärfe sorgen oder der Fotodruck erscheint zum Beispiel hochglänzend, weil es die Metalloberfäche einer Rolltreppe in einem Goldton suggeriert. Genauso kann man umgekehrt eine fast samtig wirkende Oberfäche bei anderen Arbeiten wahrnehmen. Die unterschiedlichen Formate ihrer Fotoarbeiten korrespondieren mit dem entsprechenden Blickwinkel. Bei einem horizontalen Blick wie etwa bei einer Brücke schauen wir auch auf ein Querformat. Dagegen wird bei einer aufstrebenden Kirchenarchitektur eher ein Hochformat bei der Komposition der Einzelbilder Verwendung finden. Diese Technik des rapportartigen Arbeitens hat sich bei Juliane Backmann erst langsam entwickelt. Ganz profan gesagt mußte sie einmal auf einem Flughafen den Film noch „vollbekommen“ und begann Köpfe und Menschen zu fotograferen. Ihre Montagen analysieren die Beziehungen, die bei der Reihung gleicher Bildthemen auftreten und es entwickeln sich selbstständige ästhetische Strukturen. Vielleicht hat das serielle Arbeiten auch etwas mit der rasanteren, technisch fast unbegrenzten Möglichkeit zu tun. Für den Betrachter der Arbeiten von Juliane Backmann bleibt viel zu sehen, trotz der Wiederkehr möglicher Bildelemente, die allerdings nie exakt die gleichen sind. Das Auge sieht, der Betrachter erkennt, und trotzdem entsteht eine ästhetische Form voller optischer Wirrungen. Die Montage wird zur Wahrnehmungsschulung.

Michael Wessing

Ausstellung