AUSSTELLUNG 19. März 2011 – 30. April 2011


Ludwig Chastinet • Aus dem Nachlass


1909 in Münster-Wolbeck geboren, verbrachte Chastinet nach dem Abitur am Paulinum in Münster 1928 ein Semester an der Düsseldorfer Kunstakademie. Danach nahm er das Studium der Kunstgeschichte, Archäologie und Literaturgeschichte in Münster, Berlin und München auf und promovierte 1936 an der Universität Münster mit einer Doktorarbeit über das Thema „Zeichnung und Graphik des deutschen Impressionismus und Expressionismus“. Sein Doktorvater war der allen Münsteraner Kunstfreunden bekannte Prof. Martin Wackernagel, der auch langjähriger Vorsitzender des Westfälischen Kunstvereins war.

Chastinet war ein Künstlerkollege und Freund Heinrich Clasings und gehörte von Anbeginn der Galerietätigkeit Clasings im Kleinen Raum zur Stammkünstlerschaft. Als Maler münsterländischer Landschaften waren seine Arbeiten hochgeschätzt. Das Publikum in Münster liebte besonders seine naturalistisch freie Malweise, die dem Impressionismus nahe schien.

Nachdem sich herauszukristallisieren begann, dass Chastinet in Münster keine Chance auf eine angemessene Museumsanstellung hatte, ging er 1938 nach Wien und wurde dort Museumsvolontär. Doch aufgrund der Annektierung Österreichs und der damit verbundenen Säuberungen in den Kunst- und Kultureinrichtungen hielt Ludwig Chastinet die Möglichkeiten für sich und andere Kunstschaffenden in Wien für kaum noch aussichtsreich – sei es als Kunsthistoriker oder als Maler. Gleiches dachte er auch über die Möglichkeiten in seiner Heimat. An Clasing schrieb er 1938: „Ich gebe Ihnen daher den guten Rat: Machen Sie Ihre Bude zu!“ Chastinet kehrte nach Münster zurück und hielt sich mit dem Schreiben von Zeitungsartikeln über Wasser.
Bald darauf wurde er zum Kriegsdienst eingezogen, zunächst zur Grenzsicherung in den Niederlanden, 1943 erfolgte die Abberufung an die Ostfront. Obwohl er den Rückzug aus Russland überstand, gilt er seit dem Frühjahr 1944 als vermißt.

Die Bilder Chastinets in ihrem speziellen Duktus und dem künstlerischen Konzept
nach wirken zeitimmanent recht modern. Die oftmals in die Landschaft eingebundenen Bauwerke - Fachwerkhaus, Zufahrtsbrücke, Dorf, Hafen, Villa, Bauernhof, Dom – sind nicht streng naturalistisch gehalten, sondern eher frei aufgefasst. Durch ihre zum Teil kräftigen Farben, die dynamisch und gelegentlich sogar massige Gegenpole zur Natur bilden, erzeugen sie eine spannungsgeladene Atmosphäre.
Es sind Momentaufnahmen, die die Heimat widerspiegeln, so wie sie nie wieder sein wird, bedrängt und eingenommen von Urbanität, die weiter fortschreitet und dem Begriff von Landschaft eine neue Wendung verleiht.
Der Landschaftsausschnitt wirkt zunächst wie zufällig, doch scheinen die baulichen Formen in der Bildanlage verhalten an Dominanz zuzunehmen.
Akzentuierte Lichtflecken, eingebrachte Dunkelflächen und Schattenformen, unspezifische Grünpartien und Wolken verhangende Himmel fordern eine Palette expressiver Farbgebung.

Michael Wessing

 

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