Susanne Hegmann • »urban intimacy« – Multiple Vorstellungsräume

Susanne Hegmann wurde 1957 in Essen geboren.
Von 1977 bis 1983 studierte sie an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf/ Abteilung Münster bei Johannes Brus und Ludmilla von Arseniew. 1981 erfolgt ein Studienaufenthalt an der Accademia di Belle Arti in Florenz. 1982 wird sie Meisterschülerin bei Ludmilla von Arseniew. 1992 erhält Susanne Hegmann das Diplom im Studium Freie Kunst.
Sie ist seit 2005 Mitglied im Deutschen Künstlerbund.
Seit 1985 nimmt sie an Gruppenausstellungen im In- und Ausland teil, ab 1989 folgen auch Einzelausstellungen.
Die Künstlerin realisierte verschiedene Projekte z.B. als Bühnenbildnerin und Raumgestalterin. Unter dem Titel „Grimm’s Projekt“ gestaltete sie 2010 bis 2011 Wände im gleichnamigen Hotel in Berlin, Alte Jacobstr. 100.
Ihre Arbeiten befinden sich in zahlreichen privaten Sammlungen.
Susanne Hegmann lebt und arbeitet in Münster.
Ihr Atelier am Hafenweg 22 in Münster mit Ausblick auf den Kanal und seiner ständig bewegten, schillernden Veränderung sowie dem wechselnden Lichteinfall ist eine ihrer vielen Inspirationsquellen.
Bei den jüngeren Arbeiten von Susanne Hegmann fällt zunächst die vielfältige Materialität ins Auge, ihre spezielle Behandlung der Oberfläche erscheint sehr haptisch, indem auch abplatzende Strukturen mit einbezogen werden.
Die meisten Werke sind als Collagen angelegt, bei denen z.B. eine Papierarbeit mit einem Acrylbild sowie einem skulpturalen Objekt kombiniert wird. Außerhalb des eigentlichen, offen angelegten Bildes, an die Wand gleich daneben montiert, steht es mit diesem in Korrespondenz. Mit Blattgold überzogen zieht die Reflektion der glänzenden Goldoberfläche des Objektes den Betrachter magisch an. Während er versucht, die kleine Form als begreifbaren Gegenstand – vielleicht als Maske - zu identifizieren, gleitet der Blick immer wieder zwischen diesem und der Malerei hin und her auf der Suche nach den Verbindungslinien.
Ein anderes Beispiel zeigt die Verwendung von Vogelahornfurnier, das in seiner dünnschichtigen Rissigkeit und Verletzbarkeit wiederum einen Kontrast zur umgebenden Malerei auf Papier bzw. Acryl auf Leinwand entwickelt. Das Holz steht zum Teil spröde ab, will sich von der scheinbar glatten Leinwandoberfläche abtrennen. Dagegen arbeitet die durch Feuchtigkeit wellig erscheinende Form des Papieres, während die bleistiftartige Binnenzeichnung versucht, die Balance der Kräfte im Bild herzustellen.
In weiteren Werken bezieht die Künstlerin Zufallsprodukte, wie eingetrocknete Farbreste, die sie von ihrer Palette abgetrennt hat, in die Bilder mit ein. So entstehen fleckenartig Partien, die als irritierende oder „störende“ Elemente in das Gefüge von einer wohl geordneten und durch Rasterstrukturen klar definierten Bildsprache einwirken.
Verwendet werden nahezu alle Materialien, wie Holz, Papier, Wachspapier, Tapeten, Folien, Fotografien bis hin zum Blattgold.
In der künstlerischen Auseinandersetzung mit dieser materiellen Vielfalt wirken die Werke von Susanne Hegmann oftmals wie geheime Zeichen oder Chiffren. Die Arbeiten changieren zwischen Realität und Illusion, Phantasie und Emotion und wirken somit sehr „persönlich“. Entsprechend hat die Künstlerin den Titel dieser Werkschau, welche Arbeiten von 2009 bis 2012 umfaßt, gewählt: „urban intimacy“. Übersetzungsversuche wie städtische Vertraulichkeit, Vertrautheit, Innigkeit oder vertrauter Umgang in und mit der Stadt scheitern zunächst. Erst der Untertitel „Multiple Vorstellungsräume“ gibt eine mögliche Lösung. Mannigfaltig sind die Vorstellungsräume für den Betrachter der Bilder – sei es zukunftsorientiert, vergangen oder gegenwärtig - auch für die Künstlerin selbst, wenn sie Arbeiten Titel wie Traum 1 bis 5, Frau mit Welle oder Kolibris Nektar gibt.
In manche Bilder werden Fotos von Frauen eingearbeitet, wobei auffällig ist, daß alle Frauen quasi gesichtslos sind. In einigen hingegen ist trotz allen Nichtformulierens die Künstlerin selbst zu erkennen. Geht es um Verhüllung, Scham, Geheimnisse? Soll sich der Betrachter sein eigenes Bild von den Gesichtern machen, sich gar selbst hineindenken? Oder läßt die Künstlerin das Voyeurhafte eines Selbstbildnisses nicht zu, um nicht schutzlos zu erscheinen?
Vielleicht ergibt sich die Antwort aus ihren Selbstzeugnissen, wenn sie schreibt:
„<Urban Intimacy> benennt für mich einen Schutzraum, den ich im hier gezeigten Projektzyklus durch sehr unterschiedliche Assoziationen abbilde. Unterstützt werden diese durch nicht eindeutig definierte Farbzugehörigkeiten, vorwiegend in schwarz, grau und weiß abgewandelt.
Mein Blick als Betrachter kreist um Vögel, fein und detailliert gezeichnet, städtische Einsichten und nähert sich zuletzt multiplen Vorstellungsräumen.
Kleine weißliche Tonobjekte, beinah organische Wesen, greifen den Dialog auf und stellen sich den anderen Bildräumen zur Ergründung zur Verfügung.
Ich kehre der gehetzten Welt den Rücken und lasse sie verblassend in an- und ausgeschnittenen Augenblicken Revue passieren: Der Frauenkopf, nach vorne geneigt, die unwirklichen Rhododendren, der leise Kontakt der Vögel, ein leerer Liegestuhl mit Grün gemischt.
Assoziative Bildfolgen auf Holz oder Leinwand stehen größeren Bildobjekten gegenüber, die unter dem Titel <Grimm's Project> auf die Berliner Hotelarbeit verweisen. Mehrere Tapeten-Papierarbeiten als Materialbilder, die den erzählerischen Charakter aufgreifen, ohne an Eigenständigkeit zu verlieren, bilden hierzu eine Ergänzung.“

Michael Wessing

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