Ben Patterson • Fluxus Busking


Ben (Benjamin) Patterson wurde am 29. Mai 1934 in Pittsburgh, Pennsylvania, USA geboren.
Er erhielt 1956 den Bachelor of Music an der Universität in Michigan. Von 1956 bis 1960 spielte er als Kontrabassist im Halifax Symphony Orchestra, N.S. Kanada (1956 – 1957), im 7th US Army Symphony Orchestra (1957 – 1959) in Stuttgart sowie im Ottawa Philharmonic Orchestra, Kanada (1959 – 1960).
1960 zog Patterson nach Köln, um in der radikalen zeitgenössischen Musikszene aktiv zu werden. Er lernte die Musik von Stockhausen kennen, machte die Bekanntschaft von Nam June Paik und anderen Künstlern wie John Cage, Merce Cunningham, David Tudor, Wolf Vostell und Mary Bauermeister. In deren Atelier fanden Lesungen und Konzerte „Neuester Musik“ (Neo-Dada) statt, die zur Grundlage der späteren Fluxus-Bewegung wurden. In den folgenden zwei Jahren spielte er darüber hinaus u.a. in Paris, Venedig und Wien. Höhepunkt war die Teilnahme am ersten internationalen Fluxus-Festival in Wiesbaden im September 1962, das er zusammen mit George Maciunas und Emmett Williams vorbereitet hatte. Dieser Ort hat sich eher zufällig daraus ergeben, daß amerikanische Soldaten dort stationiert waren. Es folgten eine Vielzahl von Einzel- und Gruppenausstellungen, Aktionen und Performances in Museen und Galerien in der ganzen Welt.
1963 zurückgekehrt nach New York, erhielt Patterson den Master of Library Science 1967 der Columbia University. Er wollte zunächst seine künstlerischen Aktivitäten aufgeben und als Organisator und Kommissar für Kultur ein „ganz normales“ Leben führen. Daraufhin bekam er Anstellungen als General Manager in der Symphony of the New World (1970 – 1972), als Assistant Director of the Department of Cultural Affairs of New York City (1972 – 1974), als Leiter der Entwicklung für die Negro Ensemble Company (1982 – 1984) und als National Director for Pro Musica Foundation Inc. (1984 – 1986).
Durch eine große Einzelausstellung mit neuen Assemblagen und Installationen in der Emily Harvey Gallery in New York 1988 markierte Patterson seinen Neuanfang in der Fluxus-Bewegung.
Unter den großen Veranstaltungen mit Teilnahme von Ben Patterson stechen besonders das Festorum Fluxorum 1982 in Wiesbaden, die São Paulo Biennale im Jahre 1983 und die Biennale 1990 in Venedig unter dem Motto „Ubi Fluxus ibi Motus“ (1990 – 1962), an der über hundert Künstler mitwirkten, hervor, aber auch das Wiesbaden Festival 2002 oder die Eröffnungsveranstaltung des Museums FLUXUS+ 2008 wären hier zu erwähnen.
Heute lebt und arbeitet Ben Patterson in New York und der inoffiziellen Fluxus-Hauptstadt Wiesbaden. Seine Kompositionen „Paper Piece“, „Lemons“ und „Variations for Double-Bass“ von 1961 zählen heute zu den klassischen Fluxus Stücken.
Ben Patterson gehört zusammen mit George Maciunas, Emmett Williams, George Brecht, Dick Higgins, Joe Jones sowie Nam June Paik zu den sieben Begründern der Fluxus-Bewegung. Fluxus zählt wohl zu den radikalsten und experimentellsten Kunstbewegungen des 20. Jahrhunderts. Der Begriff „Fluxus“ (lat. Flux/fluere = fließend, in Fluß, in Bewegung) stammt von dem Litauer Künstler George Maciunas, der ihn als Titel für eine Zeitschrift einer litauischen Kulturgruppe in New York gewählt hatte, eine Zeitschrift, die allerdings nie erschienen ist. Maciunas hatte mit diesem Wort mehr in die Richtung von „Unabhängigkeit“ oder „Freiheit“ deuten wollen. Ursprünglich bezeichnet der Begriff in der Medizin eine „fließende Darmentleerung“ und entspricht damit einer Facette der Weltsicht der Dadaisten wie etwa Hans Arp, der die dadaistische Kunst als Antikunst sah, die „…unmittelbar den Gedärmen des Dichters entspringt“, denkt man etwa an die dadaistischen Lautgedichte. Darüber hinaus wird die Begrifflichkeit auch aus einem fließenden Übergang zwischen Kunst und Leben bzw. der Einheit von Kunst und Leben erklärt, was sich auch in den verwendeten, alltäglichen Werkstoffen in den Kunstobjekten manifestiert.
Fluxus ist eng mit Musik, Aktion und Happening verbunden. Collageartig komponierte Aktionsabläufe, die aufgrund von akustisch-musikalischen und choreografischen Ausdrucksformen auch als „Konzert“ bezeichnet werden, bilden das Gerüst dieser Kunstbewegung. Dennoch ist Fluxus wie sein Name: fließend und schwer faßbar.
Ben Patterson hat dazu einmal gesagt: „In the past most people thought that they didn’t know what Fluxus was all about. They are wrong. Now, quite a few people say they know exactly what Fluxus is all about. But, of course, they are also wrong. However, soon, there will be 13 people around the world recognized as true Fluxus experts. God, help us – if, somehow they get it right.”
“In der Vergangenheit haben die meisten Leute gemeint, nicht zu wissen, was Fluxus ist. Sie täuschten sich. Nun beginnen schon einige Leute zu sagen, sie wissen ganz genau, was Fluxus ist. Die täuschen sich natürlich genauso. Jedenfalls wird es bald 13 Leute auf der ganzen Welt geben, die als echte Fluxusspezialisten gelten. Gott steh uns bei, wenn die’s dann herauskriegen.“
In seinen Assemblagen zum Thema „Busking“ mit dem Untertitel „(wenn die Rente nicht reicht) – Werkzeuge und Tipps für Anfänger“ folgt Patterson dem fließenden Übergang von Kunst und Leben.
Auslöser zu dieser Idee war ein Zeitungsartikel in der „Bild“ vom November 2011 mit der aufreißerischen Überschrift: „Zu wenig Rente! Oma Hilda (80) jobbt als Hure!“ So bietet Patterson dem geneigten Betrachter eine Fülle von Anregungen für Tätigkeiten im Alter: „Busking for pleasure and profit: a guide for seniors.“ Er konstruiert phantastische Assemblagen zu „Busking as a: storyteller, snake sharmer, street artist, violinist, fortune teller, public writer, busking with finger puppets, guitar player, saxophon player, pencil sharpener or krumping.“ (Krumping ist eine Art akrobatischer Straßentanz, der in den späten 1990er Jahren kreiert wurde).
Jede Arbeit wird mit einer Definition des Begriffs “Busking” versehen, um quasi auch eine Vorgehensweise oder Anleitung für den Betrachter zu geben: „Busking or performing in streets or public places has a long history. Buskers come in many varieties and perform anywhere and anyway that can entertain. Busking can be a full-time job…“ - Es geht um nichts anderes als um Straßenkunst, Performances oder andere vielfältige künstlerische Aktivitäten auf der Straße oder Plätzen, die immer noch bis heute ausgeübt werden und eine lange Tradition haben.

Michael Wessing

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