Helga Rensing • »Rückblick«

Helga Rensing wurde am 22.05.1926 in Dortmund geboren. Von 1946 bis 1952 studierte sie Kunstgeschichte und Philosophie an den Universitäten Bonn und München. Eine Dissertation über „Studien zur Kunst Meister Bertrams von Minden“ schloß das Studium ab.
Es folgte ein Kunststudium in Paris von 1953 bis 1956 an der Académie Rançon sowie im „Atelier 17“ in der Rue Campagne-Premiere No 17, einer von Stanley William Hayter (1901 – 1988) gegründeten Kunstschule für experimentelle Druckgraphik.
Danach war Helga Rensing sieben Jahre lang Assistentin am Lehrstuhl für Freies Zeichnen und Malen an der TU Berlin bei Vincenz Pieper (1903 – 1981). Seit 1969 lebte sie in Münster. 1970 begann dort ihre Unterrichtstätigkeit an der Fachhochschule für Design, die sie bis 1989 fortführte.
Sie erhielt einige Stipendien und Preise, unter anderem 1961 den Preis „Jung-Westfalen“ für Grafik des Kunstvereins Münster, 1964 ein Stipendium der Aldegrever-Gesellschaft Münster sowie 1966 ein Stipendium der Akademie der Künste Berlin für die Villa Serpentara in Olevano Romano.
Anfang des 20. Jahrhunderts hatte der in Rom ansässige, deutsche Bildhauer Heinrich Gerhardt (1823 – 1915) die Villa errichten lassen. Diese wurde 1914 testamentarisch der Akademie der Künste zugesprochen, um als Einrichtung für ihre Stipendiaten zu dienen.
Es folgten zahlreiche Ausstellungen der Künstlerin in Westfalen und Italien.
Helga Rensing verstarb am 01.10.2011 in Münster.
Die für diese Gedächtnisausstellung ausgewählten Werke sind sämtlich Leihgaben aus der Heinrich-W.-Risken-Stiftung in Bad Rothenfelde, die den Nachlass von Helga Rensing verwaltet.
Der Rückblick auf ihr Werk führt uns zunächst nach Paris, wo sie durch ein Stipendium der französischen Regierung mit neuen Zeitströmungen auf dem Gebiet der Grafik in Kontakt kommt. In unmittelbarer Nähe von Alberto Giacomettis Atelier arbeitete William Hayter an einer neuen informellen Ästhetik, die sich in abstrakten Drucken und Holzschnitten niederschlug.
Hayter hatte 1959 an der documenta II teilgenommen. Das 1962 von ihm verfaßte kunsttheoretische, fachspezifische Handbuch „About Prints“ hatte nicht nur einen entscheidenden Einfluß auf die Entwicklung der künstlerischen Druckgrafik in Europa und Amerika, sondern auch auf Helga Rensing, die hieraus lernte, die Druckgrafik als eine unabhängige und eigenständige Kunstform zu betrachten.
Die zeitliche Strömung der Kunst des Informel wurde dabei für sie besonders prägend. In ihren Arbeiten aus den 50er Jahren folgt Helga Rensing zwar konstitutiv dem Prinzip der Formlosigkeit im Sinne des „art informel“ und ist fasziniert von den Möglichkeiten im Spannungsfeld von Formauflösung und erneuter Formwerdung, wirkt aber im gestischen Duktus wesentlich kontrollierter.
Die Beschäftigung Rensings mit dem Nachlass des 1951 in Paris gestorbenen Künstlers Wols, d.i. Alfred Otto Wolfgang Schulze (1913 – 1951), der als direkter Wegbereiter und wichtigster Vertreter des Informel gilt, fand bis in die 60er Jahre in ihren Arbeiten seinen Niederschlag. So schrieb Rensing unter anderem einführende Texte zu den Arbeiten von Wols in den Katalogen der Galerien Springer in Berlin 1957 und Räber in Luzern 1967.
In ihren Arbeiten spürt man den Geist der malerischen expressiven Abstraktion, der sich klar als Gegenpol zur geometrischen Abstraktion gebildet hatte. Wie bei den Bildern von Wols, dessen Werke wie die von Hayters ebenfalls auf der documenta II ausgestellt wurden, arbeitet Helga Rensing mit einer Grundform, die sich vorherrschend aus dem Zentrum des Bildes entwickelt und eruptiv nach außen dringt, von deutlich sichtbaren gestischen Farbspuren begleitet.
Auch wenn dem heutigen Betrachter das Ungegenständliche zu dominieren scheint, hat demgegenüber die Künstlerin stets behauptet, gegenständlich zu arbeiten. Deutlicher nachzuvollziehen ist dies nach Helga Rensings Zeit in Berlin als Dozentin an der dortigen TU in den Jahren 1956 bis 1963 sowie einer Reise nach New York 1963. Bis 1968 bleibt sie als freie Künstlerin in Berlin. Die Impressionen der Großstadt initiieren starke künstlerische Entwicklungsschübe.
Ab dieser Zeit wird auch die hockende Figur ihr Thema, das sie in zwanzig bis dreißig Kompositionen durchspielt. Diese erinnern bisweilen an Vorstudien zu bildhauerischen Arbeiten.
Mit einem Stipendium der Villa Serpentara in der Nähe Roms folgt eine intensive Schaffensperiode, die zu einem sehr eigenen Zeichenstil führt. Wo nun zusehends Formlosigkeit zurückgedrängt wird, entstehen in den folgenden Jahren große Konvolute von Zeichnungen. Vom Selbstporträt über Landschaften bis hin zu Figurendarstellungen, die mittels Abreißtechnik aus deutschen und italienischen Zeitungen ihren collagierten Formenkanon erhalten, schafft Helga Rensing ein Werk, dessen künstlerische Spontaneität und Ausdruckskraft von einer mittels Schraffuren erzeugten Struktur gekennzeichnet ist.

Michael Wessing

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