Fried Rosenstock • Neue Arbeiten und Reminiszenzen

Fried Rosenstock, geboren 1943 in Kassel, studierte an den Kunstakademien in München und Frankfurt, sowie von 1962 bis 1966 an der Accademia di belle arti di Venezia.
Ab den 1970er Jahren beginnt Rosenstock mit Aktionskunst, indem er unter anderem sich selbst als „lebende Skulptur“ darstellt, wobei er ab 1977 die Performance als Individuationsprozess sieht. Er ist für ihn ein auf das ganze Leben verteiltes Geschehen, das niemals vollendet sein wird, verbunden mit einer Befreiung von der Suggestivgewalt unbewußter Bilder, die uns umgeben und auf uns einwirken. Darüber hinaus beschäftigt er sich mit Visualisierungen alltäglicher Bewegungen und Versatzstücke, forscht nach Unsichtbarem und Unbewusstem. Seine Installationen erhalten Titel wie „Erinnerung an Licht“, von 1983 bis 1988, „Der falsche Schatten“, seit 1984 oder „Gemini impari. Die Monumentalität der kleinen Form“, seit 1989.
An der Frankfurter „Luminale“, der Biennale der Lichtkultur, nahm Rosenstock 2014 mit seiner Performance „Lampyris noctiluca“ (Großer Leuchtkäfer) teil, wo er mit einem weißen LED-Anzug bekleidet nach Einbruch der Dunkelheit in dem leuchtend kalten Lichtkokon vor sich hin glüht. Die Männchen dieser Käfergruppe suchen Weibchen, in dem sie, am Boden sitzend, durch Leuchten auf sich aufmerksam machen. In einer Art Isolation, vom Leben scheinbar abgeschirmt, nur der Kontemplation hingegeben, erlebt der Betrachter den Künstler.
Fried Rosenstock gehört zu den Pionieren der Performance-Kunstrichtung. Er versucht die intuitive Erfassung von komplexen Zusammenhängen dem Betrachter zu ermöglichen. Besonders deutlich wird dies bei seinem Langzeit-Projekt „Gemini impari“ (ungleiche Zwillinge), wo er Fundobjekte mit einem Gegenpart versieht, und somit ein dialektisches Spannungsfeld entsteht. Oft vermutet man nicht, daß ein vermeintliches Zwillingsstück aus einem gänzlich anderen Material - etwa Fieberglas oder Holz - kopiert worden ist, das in der Farbgebung und der haptischen Oberfläche das Ursprungsmaterial des Fundstückes, zum Beispiel Metall, nachahmt.
Andere Arbeiten beschäftigen sich mit den unterschiedlichen Dimensionen von ansonsten identischen Formen. So wird bei der Arbeit „Escalier descendant un escalier“ von 2017 ein kleines, ca. 5 cm hohes, dreistufiges Treppenmodell auf ein gleiches Treppenmodell, allerdings mit 60 cm Höhe gestellt. Der Kontrast wird zusätzlich durch eine schwarz-weiß Farbgebung erhöht.
Eine andere Reihe von Arbeiten beschäftigt sich nicht mit Identitäten, sondern Gruppenzuordnungen aufgrund ihrer Funktionalität, so beispielsweise bei den Einfüll-Trichtern aus Glas, Porzellan und Blech.
„Es gefällt mir einfach, widersprüchlich und ambivalent zu sein“, hat sich Fried Rosenstock einmal geäußert. Dazu gehört sicherlich auch eine gute Portion Ironie, die sich immer wieder nicht nur in den doppeldeutigen Titelgebungen widerspiegelt. „Die Drei Muskeltiere“ nennt der Künstler vier seriell angeordnete, aufgeklappte Miesmuscheln auf einem farblich unterlegten Tableau. Die Arbeit basiert auf dem Hintergrund der Geschichte von den „Drei Musketieren“, die mit d’Artagnan zusammen vier Streiter für die Gerechtigkeit waren. Die Verdrehung zu „Muskel“ kann als Kampfeslust und Stärke, aber auch für das Muskelfleisch der Schalentiere gedeutet werden.
Vier Seifenstücke in Form kleiner Krokodile, benannt „Die Drei Muskeltiere (II)“ stellen eine weitere Variante dar. Die Deutungsmöglichkeiten sind vielfältig und individuell, auch im Blick des Betrachters, schaut man etwa auf vier unterschiedliche Blechtrichter der „Waisen aus dem Morgenland und d‘Artagnan“.
Ein verrosteter, unbrauchbar gewordener Dosenöffner auf einem farblich grundierten Panel, der, somit fast museal geadelt, als „Der kräftige Rostmeyer II“ ein neues Dasein erhält, wirkt genauso überzeugend wie drei leicht gefächert, auf einem Träger angeordnete Pinsel, die durch den Titel „Die dreilige Heilfaltigkeit“ eine neue Deutung erfahren.
Selbstironisch entstehen mit weißer Kreide auf schwarzem Grund schwungvolle, netzartig erscheinende Flächen als „Die Weißsagung“. Eine andere Arbeit bietet ein mit gelber Kreide gezeichnetes „Gelb vor Neid“, oder ein Schwarz auf weißem Grund wird als „Ich sehe schwarz“ bezeichnet.
Mit den Worten „Die wahre Kunst ist einfach und widersprüchlich“ werden alle Phantasien freigegeben.
Michael Wessing

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