Takako Saito • Bücher, Experimente, Objekte, Schachspiele

Takako Saito wurde 1929 in Sabae-Shi, einem kleinen Ort bei Kyoto, in der Provinz Fukui in Japan geboren. Von 1947 bis 1950 studierte sie Kinderpsychologie an der Japan Woman’s University Tokio.
Saito lehrt von 1951 bis 1954 an der Junior High School in Sabae-Shi. Um diese Zeit (1952 – 1960) beteiligt sie sich an der Bewegung „Creative Art Education“ in Japan, die nach dem Zweiten Weltkrieg von Teijiro Kubo gegründet wurde zwecks Förderung der Kreativität durch freien Willen. Sein Ziel war es, durch Spielen die schöpferischen Kräfte im Menschen zu wecken und dadurch der japanischen Kultur neue Impulse zu geben. Während eines Sommercamps, das von dieser Bewegung organisiert worden war, trifft Saito auf ein Mitglied dieser Gruppe aus Tokyo: den Künstler Ay-O, der zu einer wichtigen Quelle für sie wird. So entwickelt sich Saito zum Mitglied der Avantgarde, zunächst in Tokyo, später auch in New York.
Nachdem Ay-O 1958 nach New York gezogen war, folgte Saito ihm 1963 und blieb dort bis 1968. Über Ay-O lernte sie unter anderem George Maciunas, den Gründer und Organisator der Fluxus-Bewegung kennen, der als ein zentrales Mitglied der damaligen New Yorker Avantgarde galt. Mit ersten Multiples beteiligt sich Takako Saito an dieser Bewegung.
Von 1965 bis 1968 hatte sie Gastprofessuren an der Brooklyn Museum Art School und der Art Student League in New York.
Zwischen 1968 und 1979 folgen Reisen und mehrjährige Auslandsaufenthalte zunächst in Frankreich, wo sie unter anderem mit George Brecht in Paris und Robert Filliou in Villefranche-sur-mer arbeitet, später in Deutschland (1969 Düsseldorf). In England (1972 – 1975) ist die Künstlerin für die Beau Geste Press tätig und publiziert zusammen mit Felipe Ehrenberg und David Major Kunstbücher. 1975 wird Saito von Joe Jones und F. Conz nach Asolo in Italien eingeladen, wo sie mit dem Archivio Pari & Dispari zusammenarbeitet, das in Reggio Emilia Veranstaltungen und Ausstellungen für junge Künstler organisiert und durchführt.
1979 siedelt Saito nach Düsseldorf über und nimmt von 1979 bis 1983 eine Lehrtätigkeit im Bereich Spiel und Spielen sowie japanischer Textilgestaltung an der Universität GH Essen auf. Sie lebt und arbeitet in Düsseldorf.
Während sie bereits seit 1964 an zahlreichen Fluxus-Aktivitäten beteiligt war, tritt Takako Saito ab 1971 mit eigenen Performances an die Öffentlichkeit. In besonderer Weise wendet sie sich der Ding- und Materialwelt des Alltags zu. Ob es sich um Naturstoffe wie Muscheln, Zwiebel- oder Orangenschalen handelt, um Steine oder Materialien wie Holz, Papier, ob Kunst- oder Schaumstoffe – aus allem weiß sie etwas zu gestalten.
Gerade diese Materialien, die gewöhnlich weggeworfen werden, erweitern durch Saitos künstlerische Eingriffe Möglichkeiten, über Notwendiges und Überflüssiges nachzudenken. Mit kleinen eigenhändigen Objekten, die meist spielerischen Charakter besitzen, wie etwa Schachspiele oder würfelförmige Konstruktionen verschiedener Größen in gelb und schwarz-weiß, zieht sie nicht nur den Blick des Betrachters an, sondern fordert ihn auf, die mittels Magnet angebrachten Gegenstände kontinuierlich zu verändern. Der Besucher wird zum Akteur, selbst zum Künstler.
So kann man zum Beispiel „Geräusch-Schach“ spielen, indem man anstelle der Augen als Sinnesorgan seine Ohren spitzt. Die unterschiedlichen Figuren kann man nur am differenzierten Geräusch erkennen. Man muß also, bevor man seinen Zug ausführen kann, die Figur schütteln. Denn die Würfel-Figuren sind jeweils mit anderen Teilchen – Reiskörner, Metallspäne o.ä. – gefüllt.
Eine Variante ist das „Gewichts-Schach“, nur an seinen minimal gefüllten Grammen zu unterscheiden.
Beim „Berg-Schachspiel“ von 1977 müssen verschieden handgeschnitzte und –gedrechselte Holzbäumchen im Laufe der Partie einen Hügel übersteigen.
Zum Schachspiel als Objekt und Medium ihrer Arbeit gelangte Saito durch George Maciunas, mit dem sie fast jeden Abend nach dem Essen eine Partie spielte. Dieser war von der japanischen Handwerkskunst fasziniert und fragte Saito, ob sie ihm einige Kästen im japanischen Stil anfertigen könne, von denen er bereits einige besaß.
Schachspiele werden zu einem der Markenzeichen für die Kunst Takako Saitos, die ausnahmslos mit großem handwerklichen Geschick und echter japanischer Präzision ausgeführt worden sind. Sie entwickelte mit diesem „flux-chess“ eine eigene Richtung. Maciunas verkaufte sogar einige Kästen in seinem neuen Flux-Shop auf der Canal Street in Soho, New York, wo neben anderen Fluxus-Künstlern auch Saito eine Wohnung besaß.
In den originellen, geistvoll-witzigen Arbeiten von Takako Saito wird immer wieder der Zuschauer angesprochen. Die Künstlerin bietet ihre poesiereichen Ideen zum Austausch mit dem Betrachter an, der nicht einfach Zuschauer bleibt, sondern zu einer gemeinsamen künstlerischen Arbeit gebracht wird.
Da gibt es zum Beispiel eine großformatige Porträtwand von 1984. Die vielen kleinen Porträtköpfe, allerdings alle vom Hinterkopf betrachtet, sind Leinwandobjekte, deren Rahmen mit Magneten ausgestattet und auf einem großen Metallblech fixiert sind. Hier kann nun der Betrachter hingehen und die unterschiedlichen kleinen und großen Porträts so arrangieren, wie es ihm beliebt. So werden, ähnlich wie bei einem Setzkasten, immer wieder neue „Ansichten“ interaktiv und kollektiv gestaltet, vom strengen Matronen-Haarknoten bis zum Punk-Hinterkopf.
Saito bietet mit ihrer Hinwendung zu den scheinbar einfachen Dingen, und mit der Interaktion in einfachen Handlungen, Gesten – wie bei den Performances – und kleinen Veränderungen an der uns umgebenden Dingwelt, dem aktiv einbezogenen Publikum die Möglichkeit, einen eigenen individuellen Weg neuer Erfahrungen zu beschreiten, gemäß ihrem Credo: „do it yourself“.
Beispiel: das „Do it yourself Porträt“ von 2004, mit verschiedenen magnetischen Objekten des Haushaltslebens. Die künstlerische Arbeitsanweisung lautet: „Gestalte mit den Eisenobjekten ein Porträt von Fluxus – so wie du es willst. Mache ein Polaroidphoto davon. Hänge dieses Photo, mit deinen Namen, daneben“. – So ist Fluxus, so entsteht Fluxus, so lebt Fluxus!
Der Begriff „Fluxus“ (lat. Flux/fluere = fließend, in Fluß, in Bewegung) stammt von dem Litauer Künstler George Maciunas, der ihn als Titel für eine Zeitschrift einer litauischen Kulturgruppe in New York gewählt hatte, eine Zeitschrift, die allerdings nie erschienen ist. Maciunas hatte mit diesem Wort mehr in die Richtung von „Unabhängigkeit“ oder „Freiheit“ deuten wollen. Ursprünglich bezeichnet der Begriff in der Medizin eine „fließende Darmentleerung“ und entspricht damit einer Facette der Weltsicht der Dadaisten wie etwa Hans Arp, der die dadaistische Kunst als Antikunst sah, die „…unmittelbar den Gedärmen des Dichters entspringt“, denkt man etwa an die dadaistischen Lautgedichte. Darüber hinaus wird die Begrifflichkeit auch aus einem fließenden Übergang zwischen Kunst und Leben bzw. der Einheit von Kunst und Leben erklärt, was sich auch in den verwendeten, alltäglichen Werkstoffen in den Kunstobjekten manifestiert.
Fluxus ist eng mit Musik, Aktion und Happening verbunden. Collageartig komponierte Aktionsabläufe, die aufgrund von akustisch-musikalischen und choreografischen Ausdrucksformen auch als „Konzert“ bezeichnet werden, bilden das Gerüst dieser Kunstbewegung. Dennoch ist Fluxus wie sein Name: fließend und schwer faßbar. Es stellt eben keine Künstlergruppe, aber auch keine eigentliche Kunstbewegung dar. Das Prinzip der Regellosigkeit der Systeme von Verhalten, von Wahrnehmung ist dabei nur einer der weltanschaulichen Aspekte von Fluxus.
Mit ihren Büchern, den Experimenten mit Tinte, Öl, Lack und Wasser, den Papierarbeiten oder auch den Spielen stellt Takako Saito über viele Jahrzehnte hinweg eine feste Größe dar in der Welt von Fluxus. In einem Statement von 2005 sagt Saito, was für sie Fluxus bedeutet: „What ever You do here, it will be a portrait of Fluxus!”


Michael Wessin

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